Studie zu Freelancern und Selbständigen

19. Dezember 2018 | Von | Kategorie: Strategische Berichte

Der Freelancer-Kompass 2018 beleuchtet die wichtigsten Aspekte, Trends und Prognosen der Berufs­­gruppe Freelancer im Segment IT und Ingenieure anhand der Antworten von 1.092 Umfragen-Teilnehmern im deutschsprachigen Raum. Die digitale Auftragsvermittlung freelancermap.de erfasste mit 66 Fragen die Schwerpunkte Einkommen, Auftragslage, Herausforderungen und Marktentwicklung.

Abbildung 1

Bericht von Isabella Pridat-Zapp

Die Umfrageteilnehmer haben sich offenbar gegen die Annehmlichkeiten der Festanstellung entschieden, als da sind: bezahlter Urlaub (1 bis 1,5 Monate p.a.), bezahlte Krankheitzeiten ohne finanziellen Druck, 10-12 Tage bezahlte Feiertage p.a., Lohnfortzahlung als Arbeitslosengeld bei nicht-Beschäftigung. Aus diesen Zahlen läßt sich überschlägig errechnen, welcher Freiberufler-Stundensatz sich aus einem Angestellten-Gehalt errechnet:

Schritt 1: 52 Wochen minus 9 Wochen (ohne Arbeit) = 43 Wochen

Schritt 2: 43 Wochen x Wochenarbeitszeit = tatsächliche Jahresarbeitsstunden;

Schritt 3: Arbeitgeber-Brutto x 12 = AG-Brutto p.a. ;

Schritt 4: AG-Jahresbrutto dividiert durch Jahresarbeitsstunden.

Ergebnis: Ein Selbstständiger muss also deutlich mehr pro Stunde verdienen um die Vorteile eines Angestellten Verhältnisses aufzuwiegen.

Haben Sie Ihr Excel Sheet bereits offen? Bei mehr als 5 Krankheitstagen p.a., oder Inanspruchnahme von z.B. Umzugstagen und weiteren Vergünstigungen im Rahmen des Arbeitsvertrages verschiebt sich das zugunsten des Angestellten.

Dieses beruhigend-gemütliche finanzielle ­Polster scheint jedoch durch manche Schattenseiten des ­Angestellten-Daseins abgewertet zu werden, die hier nicht besprochen werden. Positiv ist die Möglichkeit, als Freelancer selbst zu bestimmen, wieviel man jeweils arbeitet und somit die Verdiensthöhe pro Zeiteinheit – Tag / Woche / Monat. Man ist versucht, an dieser Stelle auch einzufügen, dass der Freelancer selbst bestimmen kann wann er arbeitet und wann er Urlaub hat. Doch das ist wohl eher falsch, denn das „wieviel“ hängt vom jeweiligen Auftrag ab (d.h. 30-Std.-Woche versus 80-Std.-Woche) und das „wann“ hängt von der Auftragslage ab. Nicht alle Menschen sind gleich, es gibt glückliche Couch-Potatoes und glückliche Free-Climber am steilen Fels.

„Lediglich 1% aller Freelancer wollen zurück in die Festanstellung wechseln. 90% erwarten eine bessere oder gleichbleibende Auftragslage“, erklärt Thomas Maas, CEO der freelancermap GmbH und blickt in die Zukunft. „Der Stundensatz durchbricht die 90 EUR Marke: Klare Anzeichen für eine positive Entwicklung am Freelancer-Markt.“

Warum sind die Studien-Teilnehmer der untersuchten Berufsgruppen denn nun so zufrieden mit ihrer Art der Erwerbstätigkeit?

Laut dem Freelancer-Kompass 2018 hat sich der durchschnittliche netto-Stundensatz vor MWSt von 87,36 EUR im Jahr 2017 auf 91,05 EUR im Jahr 2018 erhöht (plus 4,23%).

Die erzielten Stundensätze liegen je nach Alter und Fachgebiet zwischen weniger als 50 EUR/Std. und über 130 EUR/Std.

Siehe Abbildung 1 und Abbildung 2.

Abbildung 2

Im Jahr 2014 lag der Anteil der Jahresumsätze bis zu 75.000 EUR noch bei 36,7%, ging aber für das Jahr 2017 auf 29,77% zurück. Eine gegenläufige Entwicklung spielte sich im Bereich der Jahreseinkommen über 100.000 EUR ab: Diese Grenze überschritten 2014 nur 52,4% der Befragten, im Jahre 2017 jedoch bereits 60,07%.

Dies spiegelt sich auch in der Zufriedenheit wider: Die überwiegende Mehrheit von 71,61% ist mit ihrem Einkommen zufrieden, nur 28,39% nicht.

Die Höhe des Einkommens bestimmt direkt die Zufriedenheit, so sind 83,13% der SAP-Spezialisten mit ihrem Einkommen zufrieden. Deutlich mehr Unzufriedene als Zufriedene gibt es nur im Berufsbereich Grafik, Content, Medien, also am unteren Ende der Einkommensskala. Im Vergleich der DACH-Stundensätze liegen Deutschland und Austria gleich mit durchschnittlich rund 89 EUR und die Schweiz höher mit 119 EUR. Die Studie weist auch die Sätze nach Bundesländern aus – siehe URL. Es gibt auch eine Berechnung des Nettoeinkommens, doch ist nicht ersichtlich, ob dies Krankheit, Urlaub und Feiertage berücksichtigt oder nur EKSt und Krankheits- und KV-Kosten oder ob vom Einkommen vor MwSt nur die Kosten, wie Reisekosten, Unterkunft, Mitarbeiter, etc. abgezogen wurden.

Bei einer solchen Umfrage viele Details abzufragen, ist wohl kaum möglich. Ebenso konnte vermutlich nicht ermittelt werden, warum Stundensatz und Einkommen der weiblichen Befragten etwas niedriger liegt – vermutlich gibt es z.B. weniger weibliche SAP-Experten und mehr weibliche Freelancer in weniger gut bezahlten Bereichen.

Interessant sind wiederum die Herausforderungen, denen sich die Freelancer stellen müssen. Keine ­Überraschung: hier liegt die Projektacquise weit vorn mit 62,64%.

Abbildung 3

Dass der Freelancer in vielen Fällen noch seltener als der Angestellte wirklich einmal frei hat, das heißt den Kopf frei hat von allen Gedanken an seine Arbeit, überrascht ebenfalls nicht. Der Kampf um bessere Bezahlung steht auch bei Freelancern weit oben auf der Liste der Herausforderungen. Zunächst erstaunlich ist, dass die eigentliche Arbeit, nämlich das Projektmangement, den wenigsten Freelancern Sorgen bereitet.

Die Grafik „Erfolgreicher Freelancer“ gibt einen ­Hinweis darauf, warum das wohl so ist. Denn als ­wichtigste Erfolgskriterium werden hier Fachwissen und Erfahrung angeführt.

 

Abbildung 4

Und die beiden Grafiken „Vorteile als Freelancer“ und „Nachteile als Freelancer“ klären auch einige der eingangs angestellten Überlegungen.

Abbildung 5

Abbildung 6

 

Durchschnittlich nehmen alle Studienteilnehmer pro Jahr 25,69 Tage Urlaub p.a.. Sie arbeiten durchschnittlich 45,55 Std./Woche, verfügen über 13,36 ­Jahre ­Berufserfahrung und sind bereits seit 11,65 Jahren selbstständig.

Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, weniger als 30 Tage Urlaub im Jahr zu nehmen (55,95%). Ganze 46,43% der Freelancer liegen unter dem gesetzlichen Urlaubsanspruch an 20 Werktagen bei einer 5-Tage-Woche, bzw. 24 Tagen bei einer 6-Tage-Woche. Circa 5% nehmen weniger als 10 Urlaubstage und knapp 20% nehmen nur 10-19 Tage Urlaub p.a. – das relativiert das Einkommen für diese Gruppe wiederum. Allerdings gibt es auch gut 30%, die 30-39 Tage und immerhin noch 10%, die 40-50 Tage Urlaub pro Jahr nehmen. Mehr als 50 Tage Urlaub genehmigen sich circa 3% der Freelancer. Auch zu diesem Angaben wären den Rahmen der Studie sprengende Einzelheiten interessant: Hat der Freelancer vor seinem 50 Tage währenden Urlaub eventuell in einem Projekt kräftig 80 Wochenstunden gearbeitet?

Bei der Arbeitszeitverteilung führt die Projekt­arbeitszeit mit 19,75 Tagen pro Monat. Auf die Projekt­acquise, Weiterbildung, Buchhaltung und „sonstiges“ entfallen je circa 2 Tage, insgesamt also immerhin fast 8 Tage, an denen kein Ertrag erwirtschaftet wird.

Der Freelancer-Kompass 2018 erfasste 71,70% Teilnehmer mit einem akademischen Abschluss – 38% kamen von der Universität und 33,70% von einer Fachhochschule. Nur 1,47% der Freelancer gaben als höchsten Abschluss die Hauptschule an.

Für ein kompletteres Bild ist auch die Unternehmensgröße und die Branche der Freelancer-Kunden wirklich wichtig. Die Befragten arbeiteten in ihrem aktuellen/letzten Projekt zu 37,09% für ein Unternehmen mit mehr als 5000 Mitarbeitern. Nur ungefähr die Hälfte davon nannte 1001-5000 Mitarbeiter – das sinkt dann mit 9,8% und 10,9% auf bis zu 500 Mitarbeiter. Dann scheint es aber einen größeren Bedarf wieder im ­Segment der Unternehmen mit 11-100 Mitarbeiter zu geben, für das 15,38% der Befragten gearbeitet hatten.

Abbildung 7

Banken/Finanzen, Automotive, IT/Software und die Industrie machen 60% aller Unternehmen aus, die auf Freelancer zurückgreifen.

In der Redaktion haben wir überschlägig gerechnet und mit Hilfe eines online Lohnrechners angenähert, um einen ungefähren Vergleich zu einer Festanstellung zu erzielen. Wir legten für die Gesamtaltersklasse 40-59 Jahre einen durchschnittlichen Stundensatz von 93,5 EUR zugrunde. Wir gingen von den angegebenen durchschnittlichen 5 Wochen Urlaub p.a. aus sowie von den angegebenen 19,75 berechenbaren Arbeitstagen pro Monat, zuzüglich circa 8 Tage Verwaltungs- und Acquisitionsarbeiten. Gleichzeitig haben wir vergeblich angestrebt, die 45,5 Stunden-Arbeitswoche einzubeziehen und den Urlaub von durchschnittlich 25,6 Tagen p.a.. Die Studie betrachtet das Arbeitsleben der Freelancer aus mehreren interessanten ­Blickrichtungen, doch ist es offenbar nicht möglich alle Detailzahlen zu berichten, ohne ein ganzes Buch daraus zu machen.

Wir sind deshalb von einem Arbeitgeber-Bruttogehalt von 90.000 EUR p.a. in unserer Annäherungsrechnung, also Arbeitnehmer-Brutto von 7500 EUR pro Monat, bei gesetzlicher KV-Versicherung und Steuerklasse 1 ausgegangen. Basierend darauf ergab sich ein Nettogehalt von 4032,69 EUR / Monat, was bei einer 45,5 Stundenwoche ein netto von 20,45 EUR pro Stunde ­ergibt. Das hat uns etwas erschüttert.

Die Abgabenlast beträgt 46,23% sagt der Online-Rechner. Für die Rentenversicherung (7248 EUR p.a.) – in diesem Beispiel 604,50 EUR Arbeitnehmer-Anteil plus Arbeitgeber-Anteile – und für die Krankenversicherung–- in diesem Beispiel 367,28 EUR Arbeitnehmer-Anteil plus Arbeitgeber-Anteile – kann man als Selbstständiger eigene Entscheidungen treffen, bzw. nach eigenem Gutdünken anlegen.

Das Thema Rentenversicherung ist eine sehr individuelle Entscheidung, es geht darum, eine finanzielles Polster für das Alter sicher aufzubewahren und ­anzulegen. Das Thema Krankenversicherung hängt ­primär davon ab, ob man sich arbeitsfähig gesund fühlt.

In der Redaktion sind wir aufgrund eigener Erfahrungen im Lebensumfeld zu dem Schluss gekommen, dass in jüngeren Jahren eine minimal-Krankenversicherung von rund 100 EUR pro Monat die Möglichkeit gibt, beispielsweise 12 Jahre lang sehr viel zu arbeiten und gleichzeitig zu sparen – in unserem Beispiel 38.488 EUR. Das ist ein Polster für Krankheiten und kann, hoffentlich unverbraucht, später investiert werden. Mit Hinblick auf die in Deutschland vorgeschrieben KV-Versicherungspflicht ist es nicht nötig im außereuropäischen Ausland den Wohnsitz anzumelden, wo zum Beispiel eine sehr günstige Minimal-Versicherung bei der BUPA möglich wäre, sondern man kann sich auch bei der BUPA oder der EUKV noch relativ günstig mit Wohnsitz in Europa versichern.

Vor Erreichen der Altersgrenze für gesetzlich Versicherte sollte man sich in Deutschland gesetzlich versichern und gleich einplanen, deutlich weniger zu arbeiten. Dies dient sowohl der Gesundheit als auch dem niedrigeren Beitrag zur KV. Sollte man der grassierenden Altersarmut zum Opfer fallen, so hat man jedenfalls eine bezahlbare Krankenversicherung, auch als Selbstständiger ohne nennenswerten gesetzlichen Rentenanspruch.

Als Angestellter muss man sich all diese Sorgen nicht machen.

Literatur:

Der Freelancer-Kompass beantwortet viele Fragen der Kategorie „Was ich schon immer wissen wollte.“ Weitere Details und Aspekte, die von uns nicht aufgegriffen wurden, finden Sie hier https://www.freelancermap.de/marktstudie

Labour Force Survey (LFS) ad hoc module 2017 on the self-employed persons, assessment report, 2018 edition, eurostat
https://ec.europa.eu/eurostat/documents/7870049/9439020/KS-39-18-011-EN-N.pdf/eabf6f91-01a1-4234-8a0a-43c13c3bd920

Schlagworte: , , , , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.