Old-i’s neue „i“

15. September 2016 | Von | Kategorie: IT-Humor & Community

Nachdem mein Model 150 dieses Jahr „volljährig“ geworden ist, beschloss ich, die Maschine durch eine neue „AS/400“ zu ersetzen. Da hab ich mal meine Kumpels gefragt, was sie empfehlen könnten, und die sagten mir gleich, dass es keine AS/400 mehr gibt und ich mich nach einer „i“ umsehen sollte. Die Kleinste wäre gut genug für meine Zwecke, gaben sie mir noch mit auf den Weg.

Warum es manchmal nicht gut ist, viel zu wissen.

von Old-i

Ich brauchte auch nicht lang zu suchen und fand eine „i“ im Prospekt eines Discounters. Ich wunderte mich zwar ein wenig, dass die von Apple produziert wurde, erinnerte mich aber, auch schon gelesen zu haben, dass diese Firma stark mit IBM zusammenarbeitet und die IBM ja auch schon Maschinen von einem chinesischen Unternehmen vertreibt.

Sah wirklich toll aus, überhaupt kein Green Screen mehr. Klein, flach, bunt und auch gar nicht so teuer, wie damals meine „150“. Toller Fortschritt, dachte ich. Dass Twinax da nicht dazu passte, sah ich sofort ein, nachdem ich das in der Hand hatte. Da ist die Kupplung schwerer als das ganze Gerät, und außerdem war da nichts, wo ich die Adapter hätte reinstecken können. Eine „Appliance“ nannte das der Verkäufer.

Als ich ihm was von „5250“ erzählte, konterte er: „Dafür gibt es Apps!“. Solche kleinen Programme mit bunten Logos nutze ich schon mit meinem Smartphone und machte mir also weiter keine Gedanken. Ich habe dann auch nicht mehr nach RPG, Query und DB2/400 gefragt: Ich war mir sicher, dass es dafür auch Apps gab.

Zu Hause angekommen zeigte ich Young-i meine neue „i“. Der verdrehte die Augen, schaute mich mitleidig an, fing an zu lachen und erklärte mir, dass diese „i“ ein „Tablet“ ist. Tablett? Sah nicht aus wie eine Küchenhilfe, oder doch? Vollelektronisch? Was die so alles erfinden. Ich begriff aber langsam, dass ich niemals meine alten Programme darauf laufen lassen könne.

Tief enttäuscht über mein vermeintliches Schnäppchen, fragte ich Young-i, was ich damit anfangen kann. Er verglich es mit meinem Smartphone, erklärte mir, dass Tablets nur größer und damit besser geeignet für Internet, Emails, Bilder und Videos sind. Meinen Pentium PC könne ich nun endlich verschrotten. Das habe ich dann getan. Meine „150“ wird sowieso nicht in den nächsten Jahren gleich kaputt gehen.

Toll, nun hatte ich ein Tablet und Young-i half mir bei der Einrichtung, immer mit dem Hinweis, dass alles kinderleicht sei. Sogar eine „5250“ hatte er gefunden. Fotografieren lernte ich schnell, war auch einfacher als mit meiner Kamera mit Rollenfilmen. Man ­brauchte den Film nicht erst wegzuschaffen und ich konnte auch gleich meinen Enkeln die Bilder per Email oder im Chat schicken. War schon toll! Aber irgendwann wies mich das Apple Gerät darauf hin, dass es zu wenig Speicher hätte, obwohl es doch, laut Verkäufer 64 GB Storage hatte. Soviel habe ich seit ihrer Anschaffung auf meiner „150“ nie gebraucht!

Young-i zeigte mir gleich, wo man sehen konnte, welche App wie viel Speicher brauchte. Super, schauen wir mal, was wir löschen können, dachte ich. Nach einigen Minuten kamen mir Zweifel. Entweder rechnet das Ding falsch, wie damals der erste Pentium, oder die hatten mir die versprochen 64 GB gar nicht eingebaut. Die 20 Apps überschlagend, brauchte ich keine 4 GB. Wo ist der Rest, fragte ich Young-i.

Hilfsbereit, wie immer, schloss er mein Tablet an seinen Computer an und startete so was wie das Apple System Management Programm. Er nannte das iTunes. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die Young-i aber irgendwie als normal ansah, war ein kleines Tablet Piktogramm zu sehen. Stolz zeigte er auf eine bunte Leiste, die mir erklären sollte, wie mein Storage genutzt wird.

55 GB zeigte mir der Balken an. Apps, Bilder, Musik und Videos brauchten weniger als 4 GB. Der Rest , etwa 50 GB waren Dokumente und anderes. Nun wollte ich von Young-i wissen, wie man ergründen könne, was für die 50 GB Dokumente verantwortlich ist. Da kapitulierte er und meinte, dass das halt so ist, wie es ist und ich das akzeptieren müsse. Ich betrachtete das mit meinen über 30 Jahren IT Erfahrung als Herausforderung! Das ist doch auch nur ein Computer, dachte ich wieder einmal.

Im Internet konnte ich damit noch recherchieren und suchte „Mit-Leidende“, die eventuell schon Hilfe von Apple & Co. erfahren haben. Dass ich nicht der Einzige mit so einem Problem war, wurde mir schnell bewusst, aber Lösungsvorschläge waren rar gesät. Apple empfahl, ein Backup mittels iTunes zu erstellen, das Tablet auf Werkszustand zurückzusetzen und dann das Backup wieder aufzuspielen.

Erinnerungen wurden präsent – Defragmentierung von Floppy Disks in den 80ern. Kopiere alle Daten auf einen anderen Datenträger, formatiere die Floppy und kopiere anschließend alles wieder zurück. Auch ­Disaster Recovery kam mir in den Sinn, nur erschien mir mein Problem (noch) nicht als Desaster.

Ich suchte Kontakt zu Apple Spezialisten, die mir weitere Softwareprodukte empfahlen, die wirklich auch mehr Details als iTunes anzeigten. Ich frage mich sowieso seitdem, wozu man iTunes überhaupt braucht. Mit Systemverwaltung hatte das wenig am Hut und mir schien es eher ein Einkaufshelfer für Musik und Videos zu sein. Aber letztendlich, auch wenn die anderen mehr Details über das Filesystem preisgaben, für die Lösung meines Problems haben sie so viel genutzt, wie iTunes.

Als ich nicht mehr wusste, was ich noch löschen sollte, stufte ich mein Problem doch als Desaster ein, kapitulierte vor Apple, wie früher auch manchmal vor Microsoft, und bat Young-i an einem Samstag Vormittag, mein Apple Tablet an seinen PC anzuschließen und iTunes für eine Hilfsaktion zu starten.

Inzwischen hatte ich ja durch meine online-Recherche einiges über dieses Tablet erfahren. Doch den Hype um das Ding habe ich auch jetzt nicht verstanden – nur, dass man bei dessen Benutzung das Hirn abschalten kann und einfach dem folgen soll, was der Hersteller empfiehlt. Nee, wahrscheinlich weiß ich nur einfach zu viel über IT ! t

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